GROMOKA

Große Monheimer Karnevalsgesellschaft 1902 e.V. „Su muß et sinn, mer dunt all met"

Gänseliesel und Spielmann Geschichte

Wappenfigur und Sagengestalt schlossen Bund fürs Brauchtum

 

 Neben dem Schelmenturm ist der Gänselieselbrunnen vor dem Rathaus-Center das wohl bekannteste Monheimer Wahrzeichen. Kaum eine Publikation mit lokalem Bezug, von der Ansichtspostkarte bis zur PR-Broschüre, verzichtet auf ein Foto der bronzenen Magd mit den beiden wasserspeienden Gänsen.

Die Urahnin aller Gänselieseln auf dem Siegel der Vögte Aschenbroich (1695–1803). Es zeigte erstmals die Darstellung einer Magd mit einer Gans und diente als Vorlage für das heutige Monheimer Stadtwappen. (Foto: Josef Greulich / Stadtarchiv)

 

 So populär die Figuren zweifellos sind, rätseln doch viele über deren Herkunft und Bedeutung: "Was hat es mit der Gänseliesel auf sich? Warum ist sie auch im Stadtwappen zu sehen?" Mit diesen Fragen wird das Stadtarchiv immer wieder konfrontiert. Nicht selten folgt auf die Antworten eine dritte Frage auf dem Fuße: "Und wie kam es zur Liaison zwischen Gänseliesel und Spielmann?"
Ziehvater der Gänseliesel war Johann Peter Aschenbroich. Seit 1695 war er Vogt (ältere Schreibweise: Voigt) des bergischen Amtes Monheim. In sein Dienstsiegel nahm Aschenbroich die Darstellung einer Magd mit einer Gans auf. Dem Vogt war die Rechtsprechung und die Verwaltung der Gerichtsbußen übertragen. Gegenüber der Freiheit Monheim war er der unmittelbare Vertreter der bergischen Grafen und Herzöge.
Mit Vogt Johann Peter Aschenbroich.begann eine Familientradition, die bis 1803 Bestand hatte. Vom Vater ging die Vogtswürde 1744 auf seinen Sohn Leopold Franz über und 1774 auf seinen Enkel Johann Wilhelm Max.

  
Geschwätz schadet

Das war die Geburtsstunde der "Gänseliesel" (auch wenn sie damals noch nicht so genannt wurde), die mit der Geste des vor die Lippen gehaltenen Zeigefingers ihr schnatterndes Federvieh dazu bringen will, den Schnabel zu halten. Was damit gesagt werden soll, liegt nahe und wird durch die lateinische Siegelumschrift noch verdeutlicht: "Nocet esse locutum" (etwa: "Geschwätz schadet") – in amtlichen Angelegenheiten soll Verschwiegenheit walten.

Auf das Siegel der Aschenbroichs griff der Heraldiker Wolfgang Pagenstecher (1880–1953) zurück, als er im Februar 1939 für die damalige Gemeinde Monheim ein Wappen entwarf: "[…] Dieses Siegel ist vielen Urkunden im Besitze der Gemeinde Monheim aufgedrückt. Sie stammen alle aus dem 17ten und 18ten Jahrhundert. Mir liegt eine solche vom 28ten Julius 1791 vor, ausgestellt vom damaligen Amtsvogt Joh[ann] Wilh[elm] Aschenbroich. Im Siegelfeld unten, rechts und links von der Frauengestalt stehen die Buchstaben I P A und I M. Sie sind zu deuten als Johann Peter Aschenbroich Judex Monheimensis. […] Wir haben es […] hier keineswegs mit dem Gerichtssiegel zu tun, – dieses zeigt den heiligen Gereon mit Schild u[nd] Sperr und ist der gleichen Urkunde aufgedrückt, – sondern mit dem persönlichen Amtssiegel des Vogtes! […] Wenn heute das durch 3 Amtsgenerationen hindurch […] benutzte Siegel des Vogtes der bergischen Freiheit Monheim, unter Zutat des Bergischen Löwen zum Wappen der Gemeinde Monheim erhoben wurde, so soll damit den Bürgern der Gemeinde Monheim nicht mürrische Schweigsamkeit empfohlen werden und ganz sicher nicht soll ihnen verwehrt sein das offene deutsche Manneswort, 'der Zorn der freien Rede' (Ernst Moritz Arndt)! Und auch das mag bedenken, wer das Wappen sieht: 'Einstmals rettete das Geschrei der heiligen Gänse das Kapitol, die Stadt Rom und damit das Kulturzentrum der ganzen damaligen gebildeten Welt'! – Daher: 'Alles zu seiner Zeit!'"

 

Brunnen ist älter als Wappen

Angelika Lysaitschuk war die zweite und letzte Gänseliesel, die per Direktwahl ermittelt wurde. 1977 besuchte sie ihr bronzenes Vorbild vor dem Rathaus. Inzwischen hat der Brunnen einen anderen Standort. (Foto. Stadtarchiv)

 

Der "Monatliche Lagebericht des Amtes Monheim" vom 5. März 1939, gerichtet an die NSDAP-Kreisleitung Bergisch-Land in Remscheid-Lennep, enthält die vollständige Wappenbeschreibung: "In Blau rechts auf grünem Boden eine barfüssige Jungfrau in silbernem Kleide mit einem Zweig in der erhobenen Rechten, den linken Zeigefinger vor dem Munde, links eine von ihre abgewandte schnatternde silberne Gans. Links oben der bergische silberne Schild mit dem roten blau bewehrten und gekrönten Löwen."

Der Gänselieselbrunnen ist zwei Jahre älter als das Gänselieselwappen. Die heute grünlich schimmernde Magd mit den beiden Gänsen, aus deren Schnäbeln Wasserstrahlen schießen, wurde 1937 von dem Düsseldorfer Bildhauer Julius Haigis geschaffen und vor dem Neubau des Rathauses aufgestellt. Der Brunnen stand zunächst in der Grünanlage zwischen den Bahngleisen, 1988 wurde er an seinen jetzigen Standort vor dem Rathaus-Center versetzt.

 

 

Die Sage vom Spielmann

Die Geschichte vom Spielmann entstammt der bergischen Sagenüberlieferung. Der wahrscheinlich erste, der die "Wahrhaftige Begebenheit vom Jahre 1615" unter dem Titel "Der lustige Spielmann von Monheim" aufschrieb, war Vincenz von Zuccalmaglio (1806–1876). Unter seinem Pseudonym "Montanus" ("der Bergische") veröffentlichte Zuccalmaglio 1837 das Buch "Die Vorzeit der Länder Cleve=Mark, Jülich=Berg und Westphalen".
Nach eigenen Angaben verwertete Zuccalmaglio "manche bisher noch ungedruckte Urkunde" und "manche schöne Sage, welche nur im Munde einzelner mährchenkundiger Weilerbewohner lebt". Aus welcher Quelle sich sein "Spielmann" speiste, bleibt demnach offen. Der Spielmann, also ein fahrender Musikant, sei jeden Sommer vom jenseitigen Rheinufer zur Monheimer Kirmes gekommen, heißt es bei Montanus. Wegen "seines trefflichen Geigens wie seiner lustigen Schwänke halber" sei er sehr beliebt gewesen. Seinen richtigen Namen habe niemand gekannt, er hieß einfach "der alte Gott", nach den Anfangsworten eines seiner Lieder: "Der alte Gott lebt noch".
Der Erfolg des Spielmanns habe den Argwohn einiger Dominikaner-Mönche geweckt, nicht zuletzt wegen der "Taschenspielerkünste, mit denen er das liebe Landvolk zu ergötzen pflegte". Montanus schildert nun, wie der Spielmann zum "Held des Tages" wurde:

"In dem Sommer 1615, gerade zur Zeit der Monheimer Kirmes, hatte der Rhein bei anhaltender Dürre so wenig Wasser, dass er in seinem Bette aussah wie ein Knäblein, das den Rock eines Erwachsenen angezogen hat, und dass ein Mann, dem die Fuhrt bekannt war, es wagen durfte den Strom zu durchwaten. Es war Sonntags in Monheim gerade die Hochmesse beendigt und an dem Rheine sah man viele Menschen versammelt, welche sich über den niedrigen Wasserstand wunderten. Da kam der lustige Spielmann und wollte überfahren, die Kirmes zu verherrlichen. Als er aber gegenüber so viele fröhlichen Leute sah, gedachte er sie so recht auf seine Weise schon unterweges zu erlustigen: er watete geigend durch den Rhein. Das Wasser reichte ihm fast bis an die Achsel; aber er hielt die Geige empor und fiedelte seine lustigsten Weisen so geschickt, als sei er auf dem Tanzboden gewesen."

 

Des Spielmanns Leben schwebte an dünnem Faden 

 

 Mit einem beherzten Sprung verlässt Spielmann Jürgen Kamphues am 5. November 1977 den Nachen, der ihn über den Rhein gebracht hat.
An den Rudern sitzt Wolfgang Hoffmann.
(Foto: Rolf Schmalzgrüber)

Der Dominikaner-Pater Servaz habe daraufhin vom Monheimer Amtmann Heinrich von Lohhausen verlangt, den Spielmann für seine "Teufelskunst" vor ein geistliches Gericht zu stellen. "Da sah es gar schlimm mit dem Spielmann aus; sein Leben schwebte an dünnem Faden, wenn er unter die Hände des geistlichen Gerichtes fiel, denn aus dieser Höhle zeigte keine Spur den Rückweg. Der Amtmann aber […] behauptete, dass die Sache nicht geistlich, sondern höchst weltlich sei: man könne jetzt wohl ohne Teufelskunst durch den seichten Rhein waten, aber nicht ohne strafbaren Mutwillen denselben durchgeigen, weil man mit solchen Gewalten wie Glut und Flut nicht scherzen dürfe; er werde darum dem Geiger schon einen Denkzettel geben. […] Der Spielmann wurde vorgeführt und wegen verübten frevelhaften Mutwillens zu 6 Tage Gefängnis und zu 10 Schilling Geldbuße verurteilt. Das war ein harter Spruch wegen eines unschuldigen Scherzes; allein der Gute Mann mogte doch noch wohl froh sein, dass er so durch die weltliche Justiz aus den Händen der geistlichen Gerichtsbarkeit, die ihn mindestens gefoltert und dann verbrannt haben würde, losgekommen sei."
Seitdem sei der Spielmann nie wieder nach Monheim gekommen, aber "wenn eine anhaltende Dürre eintrifft und ein junger Laffe behauptet, das Wasser habe wohl nie niedriger gestanden, so wird er an den alten Gott erinnert, und die Erzählung von dem lustigen Spielmanne pflanzet sich auf diese Weise fort." Die Sage nach Montanus' Bearbeitung fand wiederholt Aufnahme in Anthologien, wobei mancher Nacherzähler vor willkürlichen Kürzungen oder Ausschmückungen nicht zurückschreckte

 

 

Das Paar

Im Rosenmontagszug 1955 fuhren
Gänseliesel (Anneliese Clemens) und Spielmann
(Richard Bremer) erstmals als Traditionspaar
auf einem eigenen Wagen mit. Die Idee dazu hatte der Heimatbund. (Foto: Foto Schatz / Stadtarchiv)

 

1955 verwandelten sich die bis dahin namenlose Magd des Vogtsiegels und der Held der bergischen Sage in Wesen aus Fleisch und Blut. Der Heimatbund vermählte die beiden zu "Gänseliesel und Spielmann", und seither sind sie – wenn auch in wechselnder Besetzung – als Traditionspaar unzertrennlich. Erste Gänseliesel war Anneliese Clemens, erster Spielmann Richard Bremer. Am Rosenmontag waren sie Darsteller eines "Büttelspiels", im Zug fuhren sie auf einem eigenen Wagen mit.

Als das 1975/76 vorübergehend nach Düsseldorf eingemeindete Monheim wieder selbstständig geworden war, machte die Stadt die Gänseliesel abermals zu ihrer Identifikationsfigur. Bei einer Wahl, an der sich im Oktober 1977 alle Bürgerinnen und Bürger beteiligen konnten, entfielen 655 Stimmen auf Angelika Lysaitschuk. Und wenige Wochen später war auch der Spielmann wieder mit im Boot. Jürgen Kamphues überwand den Rhein nicht wie sein sagenhafter Vorgänger zu Fuß, sondern in einem Ruderkahn. Willi Siepen von der Fährstation Piwipp brachte den Spielmann sicher ans diesseitige Ufer unterhalb des Deusser-Hauses, begleitet von den "Nachejonge".

Die Große Monheimer Karnevalsgesellschaft (Gromoka) hatte die Initiative zu diesem Spektakel ergriffen, das seither jährlich tausende Zuschauer anlockt. Die Gromoka sorgt mittlerweile auch dafür, dass jeweils pünktlich zum 11. 11. ein neues Paar die alte Tradition fortsetzt.

Monheimer Wappenlied „Uss Gänseliesje“

Liste der Traditionspaare

 

 

Quellen

Stadtarchiv Monheim am Rhein: Akte 106, Kleine Sammlung 103, Zeitungsausschnitte 212-05
Montanus [d. i. Vincenz von Zuccalmaglio], Der lustige Spielmann zu Monheim. Eine wahrhaftige Begebenheit vom J[ahre] 1615; in: Die Vorzeit der Länder Cleve=Mark, Jülich=Berg und Westphalen, Verlag von Albert Pfeiffer, 2. Auflage, Solingen 1837, S. 255–257 (Kopie im Stadtarchiv)
Überarbeitete und ergänzte Fassung eines Beitrags in Journal 20, Jahrbuch des Kreises Mettmann 2000/2001
Monheim-Lexikon (Webseite der Stadt Monheim am Rhein)

 

 

Traditionspaare

Unsere Traditionspaare

Gänseliesel und Spielmann


 

Traditionspaar 2016 / 2017

Gänseliesel: Jeantine Pietrzik

Spielmann: Florian Nellen

 


Traditionspaar 2015 / 2016

Gänseliesel: Vanessa Klein (Serve)

Spielmann: Florian Nellen


Traditionspaar 2014 / 2015

Gänseliesel: Alina Blank

Spielmann: Oliver Koch


 

Traditionspaar 2013 / 2014

Gänseliesel: Luisa Handeck

Spielmann: Oliver Koch


 

Traditionspaar 2012 / 2013

Gänseliesel: Alina Blank

Spielmann: Oliver Koch

 


 

Traditionspaar 2011 / 2012

Gänseliesel: Alena Lewin

Spielmann: René Velden

 


 

Traditionspaar 2010 / 2011

Gänseliesel: Fredericke 

Spielmann: René Velden